Vipassana Meditation

Die Vipassana Meditation ist eine ursprünglich buddhistische Technik der Selbstbeobachtung und Leidminderung, deren Wurzeln in Indien liegen. Sie verfügt über eine mehr als 2.500-jährige Tradition und ist ganz maßgeblich von den Lehren des damaligen Buddhas Gotama geprägt. Damit gilt die Vipassana Meditation als eine der ältesten Meditationstechniken und wird von einer ununterbrochenen Kette an Gelehrten überliefert. Sie ist ebenso unter dem Begriff der Einsichtsmeditation bekannt. In der Psychologie und Psychotherapie spricht man auch häufig synonym von der Aufmerksamkeitsmeditation. Unter der Bezeichnung „Vipassana“ wird verstanden, „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“.

Die Methode der Vipassana Meditation basiert auf der Annahme, dass der Mensch auf Grund seiner Erziehung, seiner Erfahrungen und Erkenntnisse subjektive Wahrnehmungsweisen und kognitive Konzepte seiner Lebenswelt entwickelt. Er betrachtet in diesem Sinne seine eigene Wirklichkeit wie durch eine gefärbte Brille. Das Denken, Fühlen und Handeln werden an die entsprechenden Annahmen und Erwartungen angepasst. Erlebte eine Person im Kindesalter beispielsweise Ablehnung im Elternhaus oder Mobbing in der Schule, mag sie dazu neigen, ein negatives Selbstbild auszuprägen, das auch im Erwachsenenalter noch Bestand haben kann. „Andere mögen mich nicht“ oder „ich werde scheitern“ sind unterbewusste Schlussfolgerungen, die der Betreffende in bestimmten Konfliktsituationen möglicherweise trifft. Sie fußen auf einer verzerrten, häufig nicht der Realität entsprechenden Anschauung der eigenen Person und des jeweiligen Umfelds. Vipassana Meditation bezweckt, diese Art von Verblendung aufzulösen und dadurch fehlerhafte Ansichten zu korrigieren. Mit Hilfe von bestimmten Aufmerksamkeitsübungen soll der Teilnehmende in die Lage versetzt werden, in direkten und unvoreingenommenen Kontakt zu seiner Lebenswirklichkeit zu treten.
Die Technik der Vipassana Meditation realisiert sich in Form unmittelbarer Einsicht und der Fokussierung des Hier und Jetzt. Grundlage ist die Beobachtung und sinnliche Erfahrung körperlicher und seelischer Vorgänge frei von Bewertungen oder Interpretationen. Dies kann sitzend, liegend oder gehend praktiziert werden. Wichtig ist, dass sich der Teilnehmende einen geeigneten Zeitraum von mindestens 15 Minuten schafft und eine entspannte Haltung einnimmt. Häufig wird der Fokus der Aufmerksamkeit auf das Ein- und Ausatmen sowie die Wahrnehmung der körperlichen Empfindungen oder einzelner Körperteile gerichtet. Empfindungen in den Bereichen des Zwerchfells, der Nasenflügel, des Brustkorbs etc. sollen urteilslos beobachtet, aufkommende Gedanken losgelassen werden. Der Meditierende gelangt auf diesem Weg zu einer unvoreingenommenen Einsicht in die Vorgänge und Automatismen seines Körpers, seiner Gefühle, Emotionen und Gedanken. Verzerrungen in der Bewertung des Selbst und der Umwelt werden aufgelöst, Leid lässt nach, Harmonie kehrt ein.
Die Vipassana Meditation kann mit ihrem Verständnis und ihrer Methodik helfen, einen gesunden, ausgeglichenen und friedvollen Umgang mit sich zu finden. Hiermit stellt sie einen Lösungsweg für ganz unterschiedliche Anliegen oder Probleme zur Verfügung − seien es persönliche Konflikte, die Konfrontation mit Lebenskrisen oder schweren Erkrankungen, innere Anspannung und Unruhe oder der schlichte Wunsch nach mehr Sinnlichkeit, Einklang und Zufriedenheit.
Um einen nachhaltigen Effekt erzielen zu können, erfordert die Vipassana Meditation Zeit, regelmäßiges Üben, Geduld und Toleranz. Auch ist es wichtig, dass die erworbene Haltung in den üblichen Lebensablauf integriert wird. Aufmerksamkeit und klare Einsicht sollten auch im Alltag Beachtung finden, sei es beim Spazierengehen, Essen oder Spülen des Geschirrs. Durch den Zusammenschluss von kontinuierlichem Meditieren und einer achtsamen, wertorientierten und bewussten Lebensführung fördert die Vipassana Meditation die Ruhe des Geistes. Mit ihrem Konzept und ihrer Technik bietet sie ein individuelles Hilfsangebot zur Förderung der seelischen sowie körperlichen Gesundheit an.
Trotz ihrer buddhistischen Ursprünge kann die Vipassana Meditation als eine universelle, religionsunabhängige Methode betrachtet werden. Nachdem ihre Tradition vor allem ab dem 18. Jahrhundert erhöhte Beachtung erfuhr, etablierte sie sich in den vergangenen Jahrzehnten auch mehr und mehr in der westlichen Welt. Neben den vielen individuellen Praktizierenden, Kleingruppen und der partiellen Integration in das Repertoire der Psychotherapie bestehen mittlerweile auch zahlreiche Meditationszentren in Deutschland, die die Ideen und Techniken der Vipassana Meditation lehren.