Tonglen Meditation

Bei der Tonglen Meditation handelt es sich um eine buddhistische Meditationspraxis. Im Fokus dieser Übung liegt das in der Welt vorhandene Leid. Dieses soll deutlich gesehen und ihm couragiert mit Mitgefühl gegenübergetreten werden. Dabei liegt die folgende Vorstellung zugrunde: Einerseits soll der Meditierende in seiner Vorstellung das Leid aus der Welt nehmen. Gleichzeitig soll dieses Leid durch Glück und Zufriedenheit ersetzt werden. Dies ruft dem Meditierenden laut der Lehre die aktive Rolle, die ein jeder bei der Auflösung von Leid und der Verbreitung von Glück in der Welt spielen kann, ins Bewusstsein. Insbesondere wird dieses Bewusstsein während der Tonglen Meditation vom eigenen Ich gelöst und soll so zu größerer Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft im Praktizierenden führen. Denn dies sind die Mittel, mit denen jeder das Leid der Welt verringern kann.

So wird das Mitgefühl mit anderen Wesen gestärkt und dem Gefangensein in einem egozentrischen Weltbild entgegengewirkt. Denn ein solches Weltbild kann häufig unüberlegtes Handeln bewirken und so zu weiterem Leid in der Welt führen. Auch führt diese Meditation erfahrungsgemäß zu größerer Extrovertiertheit: Zeigt sie doch deutlich auf, wie man durch stetiges Einbringen der eigenen Persönlichkeit die Welt positiver gestalten kann. Dazu ruft der Meditierende sich typischerweise das Leid in der Welt an konkreten Beispielen ins Gedächtnis. Dies kann beispielsweise ein großes Leid sein, wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat – oder auch ein kleines Leid, wie ein Geschäftsmann, der sich über verdorbene Waren grämt. Anschließend nimmt der Meditierende diese Leid mit einem Atemzug in sich auf und atmet Glückseeligkeit aus, bevor er zum nächsten Leid übergeht. Aber auch die Vorstellung von gesammeltem Leid ist in dieser Meditation möglich, allerdings häufig weniger konkret.

Typische Schwierigkeiten von Anfängern mit der Tonglen Meditation

Für Meditations-Anfänger, die vielleicht selbst noch mit eigenem großem Leid zu kämpfen haben, kann das In-Sich-Aufnehmen von weiterem Leid sehr fordernd sein. In diesem Falle kann es sinnvoll sein, zunächst mit anderen Mediationsübungen das eigene Leid zu verringern bzw. das eigene Glück zu stärken. Beispielsweise kann hier die Vorstellung hilfreich sein, dass ein edler Buddha das eigene Leid in sich aufnimmt und im Gegenzug im eigenen Inneren Glückseeligkeit verbreitet. Später kann man es ihm dann gleichtun und auf diese Weise zur Tonglen Meditation übergehen.
Außerdem kann es hilfreich sich, sich hier zu vergegenwärtigen, dass das Ziel der Tonglen Meditation nicht nur ist, selbst Glück und Zufriedenheit in der Welt zu verbreiten und dort vorhandenes Leid auszulöschen. Vielmehr soll die eigene Persönlichkeit in einer Weise geschult werden, die auch dem Meditierenden zu größerem Glück und größerer Zufriedenheit verhilft. Ziel ist hier also – in westlicher Sprechweise – ein klare „Win-Win-Situation“. Auch ist es keinesfalls Sinn der Übung, über das während der Tonglen Meditation aus der Welt aufgenommene Leid zu brüten und selbst in eine tiefe Depression zu verfallen. Vielmehr soll während der Übung sowohl das äußere als auch das innere Leid deutlich wahrgenommen werden, um es im Anschluss umso effektiver in Glück und Zufriedenheit verwandeln zu können. Hier steht also die klare Anerkennung des Leids in der Welt im Fokus. Dieses soll nicht bewahrt, sondern in etwas Positives umgewandelt werden – nicht unähnlich des in der westlichen Welt geflügelten Wortes: „Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus.“ Allerdings dehnt die Meditation diese Leidauslöschung über das eigene „kleine“ Selbst hinaus aus.

Wer praktiziert die Tonglen Meditation

Die Tonglen Meditation ist eine Meditationspraxis, die aus Tibet stammt und wird von vielen Anhängern des regionalen Buddhismus ausgeübt. Die hat einen einfachen Grund: Die Tonglen Mediation ist sehr gut dazu geeignet, sich durch regelmäßige Praxis mit der eigenen Rolle in der Welt auseinanderzusetzen und wichtige Einsichten über das eigene diesbezügliche Potenzial zu erlangen.
Die Praxis der Tonglen Meditation wird deshalb von vielen buddhistischen Mönchen der tibetischen Schule regelmäßig praktiziert. Ein sehr prominentes Beispiel ist der Dalai Lama, der dieser Übung einen wichtigen Platz in seiner alltäglichen Praxis beimisst.