Tibetischer Buddhismus

Als König Trison Detsen im achten Jahrhundert den Buddhismus in Tibet zur Staatsreligion erhob, veränderte er das Land nachhaltig. Die bis dahin vorherrschende Bön-Religion verlor an Einfluss. Um keinen religiösen Bruch zu erzeugen, wurden von verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus Bön-Elemente in den Volksglauben integriert. Man unterscheidet zwischen dem Volksglauben der einfachen Menschen und der hohen philosophischen Schule des Buddhismus in Tibet. Jeder Tibeter war durch die vielen Klöster Tibets in der Lage, Zugang zur spiritueller Führung zu erhalten. Das spirituelle Zentrum Tibets war die Hauptstadt Lhasa, wo der Dalai Lama im Potala residierte.

Buddhistische Sonderform: Tibetischer Buddhismus

Die besondere Kraft des Buddhismus ist, dass er in jedem Land, in dem er praktiziert wird, eigene Ausdrucksformen und Interpretationen fand. Der tibetische Buddhismus vereint wichtige Elemente aus dem ursprünglich in Indien entstandenen Buddhismus. Er fügte im Laufe von Jahrhunderten eigene Anschauungen und Lehren hinzu. Eine der augenfälligsten Besonderheiten ist das im Dalai Lama verkörperte Prinzip der Wiedergeburt. Der Dalai Lama war politisches und religiöses Oberhaupt eines Staates, der in gleichen Teilen vom Klerus und vom Adel regiert wurde. Zunächst galt der Dalai Lama nicht als Bodhisattwa und Wiedergeburt seines Vorgängers. Nachdem das religiöse Oberhaupt der Tibeter 1578 vom Mongolenfürst Altan Khan diesen Ehrentitel erhalten hatte, etablierte sich das Prinzip eines erleuchteten Bodhisattwas, der nach seinem Tod wiedergeboren wird. Während der junge Nachfolger auf seine Aufgabe vorbereitet wurde, lag das Schicksal Tibets in den Händen eine Regenten. Erst der 14. Dalai Lama bricht aufgrund der politischen Lage mit dieser Tradition. Er möchte verhindern, dass die chinesischen Besatzer einen Dalai Lama nach ihrem Gusto ernennen und dem Land damit seine tief verwurzelte Identität nehmen.

Zunehmende Popularität im Westen

Als Tibetischer Buddhismus präsentiert sich ein reichhaltiges religiöses Universum, dessen geistiges Zentrum die tibetischen Klöster und Klosteruniversitäten waren. Fast jede Familie schickte ein Kind ins Kloster, um Lama zu werden. Daher wurde der tibetische Buddhismus auch als Lamaismus bezeichnet. Der prägende Einfluss, den die Religion im Lande hatte, sorgte dafür, dass der tibetische Buddhismus Zulauf aus dem Westen bekam. Dass sich der Buddhismus Tibets heute großer Beliebtheit erfreut, hat mit der Annektion Tibets durch die Chinesen zu tun. Zehntausende von Tibetern verließen das Land, das bis dahin weitgehend von der Außenwelt abgeschottet existiert hatte. Im Exil begannen die tibetischen Lamas im großen Stil, ihre Lehren an alle weiterzugeben, die sich dafür interessierten. Dadurch bekam das Geistesleben der Tibeter plötzlich einen hohen Bekanntheitsgrad. Die Persönlichkeit des 14. Dalai Lamas tat ein Übriges. Darum wird der Buddhismus tibetischer Prägung heute in vielen Ländern praktiziert wird.

Kernthemen des Buddhismus in Tibet

Obwohl die Schulen der tibetischen Buddhisten sich in diversen Interpretationen unterscheiden, stehen sie sich nicht feindlich gegenüber. Man sieht sie als religiöse Vehikel, die ihre Anhänger unterschiedlich schnell zur Erleuchtung führen möchten. Während die Mönche Hunderte von Gelübden einhalten müssen, unterziehen sich Laien den fünf Laiengelübden. Sie verpflichten sich, lebenslang

keine Lebewesen zu töten
nichts zu nehmen, was einem nicht gehört
nicht die Unwahrheit zu sagen
kein sexuelles Fehlverhalten zu üben
und keine Rauschdrogen zu sich zu nehmen.

Wichtigster Inhalt des Buddhismus tibetischer Variante sind Buddhas Lehren sowie alle Interpretationen davon. Zusammengefasst werden sie in Abertausenden von Lehrschriften, die in Tibet als Übersetzungen im „Kangyur“ und im „Tangyur“ niedergelegt wurden. Eines der Kernthemen des buddhistischen Universums tibetischer Ausprägung sind die „Zwölf Glieder abhängigen Entstehens“. Diese erläutern, wie Nichtwissen unweigerlich zu Leiden führt und wie das weitere Folgen zeitigt – in letzter Instanz die Wiedergeburt in leidvollen Umständen. Die Auflösung des Leidens ist durch intensive buddhistische Praxis, das Erreichen der Erleuchtung und somit des buddhistischen Nirwanas möglich.